freischwimmer

 

  

 

Ich stelle mir einen Setzkasten vor.

Und meine Texte sind die Austellungsstücke, Miniaturen, gewissermaßen zwischen Happy Hippos und Sammeltassen, Kristallkätzchen und den Schlümpfen: Klein, unterschiedlich, allesamt mit Bedeutung aufgeladen, zum Teil vom vielen Rein- und Rausstellen liebevoll abgegriffen und sicher das ein ums andere Mal skurril anmutend und daher unterm Strich Geschmackssache.

 

Hier können sie an der frischen Luft rumstehen, vielleicht sogar glitzern, wenn die Sonne günstig steht. 

Hier setzen sie nicht so schnell Gilb an wie im alten Koffer unterm Bett oder Schimmel wie im feuchten Kellerkabuff. Klar, abstauben und aufräumen muss ich das Regal ab und zu. Ich gebe mein Bestes.

 

 

Januar 2017

 

(Bitte beachten: Die in den Texten gesetzten Links leiten zu YouTube weiter)



Unter Pappeln

Der alte Sportplatz liegt unter Pappeln. Dass das Pappeln sind, weiß ich aus dem Sachunterricht, der bei uns Heimatkunde heißt, wohl, weil meine Klassenlehrerin schon die Lehrerin meiner Mutter war. Fräulein Breuer. 

Ich mag Fräulein Breuer sehr, ihren faltigen Hals, ihr knochiges Dekolleté, den absonderlich krummen Ringfinger ihrer rechten Hand und auch ihren mehligen Geruch. Fräulein Breuer steht beim Kontrollieren meiner Hausaufgaben täglich eine Weile ganz nah hinter meinem Stuhl, beugt sich über mich und ich betrachte mit angehaltenem Atem ihren türkis kritzelnden Füller in meinem Heft. Das Sonnen-Amulett, das dabei immer vor meinem Gesicht baumelt, beruhigt mich sehr. Wir sind Fräulein Breuers letzter Jahrgang und ich komme jeden Tag gerne in die Schule.

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Da ist das Ding!

Ich blicke durch das schlierige, bodentiefe Fenster ins Hafenbecken. Schaue auf rostende Kähne und moosige Klippen.

Und bestelle doch noch ein Bier. Mein drittes. Ein großes, schaumlos im eimerhaften Glas serviert, kaum teurer als ein kleines. Warum das so sei, frage  ich die herbweiche blonde Kellnerin.

„Because we want you to drink big ones.“ Entwaffnend isländisch.

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An der Feuerstelle

Als meine Großtante Soffie im Feuer stehen blieb und nicht verbrannte, wusste sie, dass sie würde alles überleben können. An diesem Tag entschied sie wohl, dass ihr nichts mehr etwas anhaben könne in ihrem Leben. Oder das Leben entschied das für sie. Oder es geschah einfach. Folgerichtig.

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Einhunderteins

Zwölfter August. Mein Opa wird heute 101.

Also würde es, er ist jetzt knapp sechs Jahre tot, und wäre sicher der Erste, der lautstark protestieren würde gegen diesen Einstieg. „100 werde ich“, würde er sagen und eine halsbrecherische Herleitung anbringen, die Lebensjahr und Geburtstag krude vermischen und beides tolldreist zu den je eigenen Gunsten kürzen würde.

Die letzten zwei Jahrzehnte seines Leben beharrte er nämlich darauf, einfach immer ein Jahr jünger zu sein, war ganz entschlossen in diesem und ungewohnt energisch. Mein Opa war oft ein Mensch, der im Stillen die Dinge ausmachte. Oder ertrug.

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Wenn der Zweifel kommt

Er ist gar nicht so hässlich, wie die Leute immer sagen. Ganz adrett, ein älterer Herr, eloquent, galant, ein bisschen angestaubt, aber nicht in der Weise, dass er nicht auch wunderbar in so einem altehrwürdigen Caféhaus sitzen könnte, ein Monokel im rechten Auge, die sehr dicke, sehr gewichtige Zeitung im Schoss seines Cordanzugs.

Aber, um es vorweg zu nehmen: Er kann echt,echt kacke sein.

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Über den Wolken (begrenzte Freiheit)

Ich kann meine Augen nicht von der sehr großen dunkelhaarigen Stewardess wenden. Die weiße Bluse spannt stramm auf den muskulösen Armen während des Rettungswestenballetts, der Stoff fast transparent dabei, schwarze Muttermale sind darunter zu erahnen, auf teigig blasser Haut. Der filigrane Schlitz im leicht puffigen Ärmel macht Spagat, die dunkelblaue Feinstrumpfhose wirkt auf den starken Knien komplett deplatziert, ihr straff geknotetes gelbes Halstuch irgendwie verloren. Und sie gleich mit. 

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Vorm Paradies

Ich sitze auf den sonnengewärmten Kirchenstufen und sehe der Masse beim Abfließen zu.

Es ist Markt. Ein Tanztheater. Ein Wimmelbild.

Aus der Mitte löst es sich auf, wird irgendwo wieder vereinzelt, zerfällt in Momente, Augenblicke, Geschichten.

Ich schalte den Ton auf lautlos und drücke den Auslöser. Immer wieder.

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Erst freundlich, später bewölkt

Ich schlage zufällig die Zeitung auf.

"Aus aller Welt" heißt die Rubrik und kommt so harmlos daher, unbedarft, luftig. Eine Ahnung von bunten Anekdötchen steigt in mir auf. Die pussierliche Wasserschildkröte auf dem großen Aufmacher- Bild unterstreicht eben diese Leichtigkeit, wie sie von dem aufmerksamen Taucher den Panzer gebürstet bekommt und sich zu räkeln scheint dabei, vielleicht auch zu schnurren, wenn Schildkröten so etwas tun.

Das war´s dann aber auch mit leicht.

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Mit Blumen

Ich kaufe mir selbst Blumen. Regelmäßig. Im Supermarkt nebenan. Oft fair gehandelte Rosen, weil Daniela gesagt hat, dass das wohl besser ist für alle. Im Frühling aber auch gerne Tulpen, die für mich so sehr für diese Jahreszeit stehen. Für vorwitzige Lebendigkeit und Kraft und Übermut und sowas.

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Schöner Scheitern

Ich sitze zwischen den beiden in diesem kleinen Amphitheater. Wir haben uns eine Weile durch das pralle Mauerpark- Leben hierher treiben lassen, von der ersten Sonne, die Kraft hat und den Schnee vergessen lässt, der hier noch vorgestern in den Straßen wehte und den man noch schmecken kann in schattigen Ecken oder stillen Momenten, die aber gerade selten sind. Eine schwirrende Menschenmasse, die den Frühling inhaliert, jeden Sonnenstrahl hastig auszuquetschen scheint und in der alle irgendwas mampfen, schlürfen, grabbeln,  als vertreibe so viel ausgestellte Lebenslust den Winter vollends. 

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Heiligabend- (M)Eine herzblut- Geschichte*

Mein Patenkind M. ist zweieinhalb und ein wundervolles Mädchen. Sie ist frei und selbstbewusst und klar.

Uns trennen fast 200 km und sehr unterschiedliche Lebensrhythmen, so dass wir uns viel zu selten sehen.

Und doch ist unsere Verbindung besonders.

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2017- was für´s Auge

Eine Bekannte von mir hat vor einigen Jahren die Tradition initiiert, die besten Filme (manchmal auch Theaterabende) des vergangenen Jahres zu küren. M.E. eine wunderbare Idee,  weil Anlass, noch einmal inne zu halten und in einer Bewusstheit das letzte Kunst- Jahr vor dem inneren Auge Revue passieren zu lassen. Ich markiere seither in meinem Kalender jeden dieser Abende mit dem Textmarker und bin baff erstaunt, wie viele Striche ich im darauf folgenden Januar entdecke. 

Ich empfand mein 2017 diesbezüglich als außergewöhnlich großartig und vielseitig, habe entweder zu wenig Anspruch, zu viel Zeit oder bin einfach ziemlich durchlässig geworden in jüngster Vergangenheit. Oder, vielleicht ganz anders: Ich habe einfach. Glück.

Sei es, wie es sei, rausgekommen sind dabei diesmal direkt drei Stockerl.

(Ein eigenes für den Dokumentarfilm, den ich gerade so sehr schätze und der mich auf eine besondere Art berührt, weil er die vielleicht besten Geschichten erzählen kann.)

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Dartitis

Manchmal schrecke ich auf, beobachte mich beim Tun und weiß überhaupt nicht, wie ich hier nochmal gelandet bin. Das ist schon skurril genug an der roten Ampel sechsundzwanzig Kilometer von zu Hause entfernt. Aber das hier ist eine andere Liga: Ich erwische mich am Handy mit einem YouTube- Video von einem sehr jungen niederländischen Dartspieler, der ganz offensichtlich ein großes Problem hat hat: Er kann nicht werfen. 

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Gefährten

Ich komme komplett gerädert am Campingplatz von Vogar an, Widerstand macht sich in mir breit, als ich links abbiege und vor der Rezeptions- Bretterbude mit den Sperrholzmöbeln und dem welligen Linoleumboden halte, die gleichzeitig eine Pizzeria ist, zumindest eine sein soll. Ich will eigentlich sofort weiter, dieser Ort ist grau auf den ersten Blick, alles wirkt irgendwie vorläufig und in dem Sinne einfach, wie sich Reiseführer scheuen, aufrichtig in die Schäbigkeit zu blicken. Aber ich bin schlichtweg zu platt, überreizt, in mir klickert diese Mischung aus albernem Irrsinn und Traurigkeit, ich bin drüber, ruhebedürftig und durch, mindestens mit dem Tag. Also mache ich es von dem Mädchen am Schalter abhängig, hoffe auf ihre Loyalität, dass sie einen unverschämten Preis verlangt, wir sind ja schließlich in Island, und ich die Leere mit Empörung füllen kann, wutschnaubend wenden und davonbrausen. Sie nennt eine absurd niedrige Summe, ist so unkompliziert und kühl- freundlich, wie diese Menschen auf der ganzen Reise eben sind.

Und so bleibe ich und treffe damit eine goldrichtige Entscheidung.

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Ein einziger Tag (im Gedenken an K.)

Und dann plötzlich erzählt er. Stoppt gar nicht mehr, ein Strom von Bildern scheint aus ihm heraus zu fließen, grausamen Bildern. Er ist dabei nicht atemlos, eher klar, konzentriert und wir verstehen sofort, dass das hier etwas Wichtiges ist, ein Vermächtnis vielleicht. Sein Vermächtnis. Und wir hören einfach zu, hier auf diesem kleinen Ruhpottfriedhof, dieser Letzte- Ruheinsel im Siedlungseinerlei mit ihrer symmetrischen Ordnung, die rechte Winkel in graue Friedhofsasche fräst.

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Einmal Mond und zurück

Nach einigem Warten haue ich schließlich doch mit der Faust auf die Hupe, höre sie dabei zum ersten Mal und erschrecke selbst ein wenig. Nicht aber meine wolligen Freunde da direkt vor meiner Motorhaube: Die drei Schafe stehen weiter in aller Seelenruhe mitten auf der Piste, strecken mir ihren buschigen Hintern entgegen und fressen… Ja, was fressen sie da eigentlich? Gras kann es nicht sein, denn soweit ich blicken kann wächst hier einfach nichts. Ödland, Geröllwüste, seit fast einer Stunde ruckelt diese Fototapete in anthrazit und beige an mir vorbei, meine anfänglich riesige Faszination für dieses urzeitliche Maß an Unwirtlichkeit ist längst einer profunden Genervtheit gewichen. 

Ich bin auf dem Weg zum Dettifoss, irgend ein Narr hat behauptet, hier auf dem Mond gäbe es nicht nur doch Wasser, sondern sogar einen Wasserfall, einen riesigen noch dazu. Das muss ich sehen. 

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In der Rauchbucht: Ein Trip-Tychon

Normalerweise sind meine Erinnerungen wie Fotos, hängen in meiner Vorstellung auf einer langen Wäscheleine im Garten eines schlichten Hauses in den Dünen und tropfen vielleicht noch vom Fixierer. Sie hängen da in loser Folge, nicht chronologisch und sicher gibt es einen Wind, der sie in Böen flattern lässt. Ich stehe auf der Veranda, im grauen Strickpulli, drehe eine Zigarette, die ich nicht rauchen werde und schaue den Bildern an der Leine beim Trocknen zu, manchmal auch beim Verwittern.

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In der Rauchbucht - Sólin hitar jörðina*

In der Küche steht Donald und kocht Kaffee. Donald ist aus „den Staaten“- die Leute verwenden diese seltsame Formulierung tatsächlich- und Donald ist 78. Als er sich für seinen Vornamen entschuldigt, haben wir uns wohl schon still zum Frühstück verabredet. Donald ist neben scheinbar vielem Anderen Schriftsteller, sieht auch ein wenig aus wie Hemingway und kommt gerade von seiner fünften Documenta. Wir quatschen sicher eine Stunde über Kunst, Politik, die verrückte Welt und ein kleines bisschen über uns. Ich esse Käsebrot aus dem mittleren Fach und Gemeinschaftscornflakes und Donalds weiser Redeschwall entspannt mich derart, dass ich sogar die vorwurfsvollen Blicke einer sehr großen, sehr blonden, sehr stillen jungen Mitbewohnerin ignorieren kann, die die Küche betritt und auf mein Brot starrt. Vielleicht habe ich Bjorg doch nicht so recht zugehört bei ihrer Kühlschrankführung...

Die Riesin wird sich mir nicht vorstellen, ich ein weiteres Brot essen. Donald kocht noch einen Kaffee, ich spüle ab. Deal.

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In der Rauchbucht- Ekki ást við fyrstu sýn*

Bjorgs Haus liegt etwas außerhalb des Stadtkerns in einer Siedlung mit zweistöckigen grauen Waschbetonbauten, von deren Fassade an vielen Stellen die kleinen Steinchen längst abgebröckelt sind und hier und da in mühsamer Arbeit wieder angeklebt werden, weshalb Baugerüste die kleinen Häuschen einzäunen. Das Ganze wirkt  bei aller gleichförmigen Eckigkeit und verwitterten Klobigkeit seltsam filigran. Ich wohne in der Einliegerwohnung im ersten Stock, eine WG mit sechs Zimmern, Platz für 10 Leute, plüschiges Sofa im Flur, riesiger Elchkopf im Treppenhaus, kleine Sonnenterasse, urige Wohnküche. Ich mag es sofort. 

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In der Rauchbucht- Þessi planta veslast upp og deyr í skugganum*

Am Flughafen Keflavik gibt es genau zwei Busanbieter, die den Strom der Touristen fast geräuschlos in die Hauptstadt abfließen lassen. Jede Maschine wird so einzeln abgefrühstückt, die Busse folgen dabei den Landezeiten, stehen schon bereit für die Passagiere, die gerade aus dem kleinen verglasten Flughafengebäude in den frischen, heiteren Augustnachmittag geworfen werden.

Blinzelnde Menschen aus der ganzen Welt. Selfie vor Comicgrafitti oder Papageientaucherplakat, Mütze auf, Jacke aus, Pulli an, Mütze schließlich wieder ab, den überdimensionierten Rucksack immer wieder auf- und abgesetzt. Dabei falten sie die bunten, seltsam großen und  irgendwie mittelalterlich anmutenden Kronenscheine wie Monopolygeld grinsend vor sich her, die sie gerade aus den Automaten gezogen haben und überhaupt nicht brauchen werden, weil in Island alles, alles, wirklich alles und wirklich überall mit Karte bezahlt werden kann, als habe dieses Land das Vertrauen in das Geld verloren. 

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